Chute d’eau, 2019

Installation. 2. Nov.–15. Dez 2019, Kunsthalle Wil

Die Walliser Künstlerin Maria Ceppi findet Inspiration in der Natur und in biomorphen Prozessen. Ihr Interesse gilt der Entstehung und Transformation von Gestalt. In der Kunsthalle Wil präsentiert sie eine «Chute d’eau», die sich von der Galerie ‹ergiesst›. Es handelt sich hierbei indes nicht um einen realen Wasserfall, sondern um eine Installation aus rund vierzig durchscheinenden Blasen: Mittels vollen, halbvollen und leeren, grösseren und kleineren transparenten Plastikgebilden simuliert die Künstlerin das Fliessen und Stürzen des Liquiden. Die Zähheit der PVC-Folien ist zwar dem Naturphänomen diametral entgegengesetzt, dennoch vermögen die reflektierenden Oberflächen ein zauberhaft- flüchtiges Naturereignis darzustellen.

Natur: Quell allen Lebens

«Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.» (Goethe, Faust II, Vers 4761ff.)

Am 18. September 1797 besucht Goethe den Rheinfall bei Schaffhausen. Seinem Freund Friedrich Schiller schreibt er: «Den 18. widmete ich ganz dem Rheinfall, fuhr früh nach Laufen und stieg von dort hinunter, um sogleich die ungeheure Überraschung zu geniessen.» In den Zeilen seines Reisetagebuchs ist Goethes Begeisterung ob des beeindruckenden Naturschauspiels deutlich spürbar. Im besten Sinne überwältigend muss für den Dichter der Moment des Sonnenaufgangs gewesen sein. Denn, so schreibt er, die Sonne «verherrlicht das Schauspiel als ihre Strahlen einen Theil des Regenbogens zeichnen» und «das ganze Naturphänomen in seinem vollen Glanze» sehen lassen.

Nicht minder beeindruckt vom vermeintlichen Naturschauspiel dürften die Besucherinnen und Besucher beim Betreten der Kunsthalle sein. Auch hier stürzen «Wassermassen» in die Tiefe, ergiessen sich von der Galerie über die Balustrade ins Erdgeschoss. Zwar besteht die «Chute d’eau» nicht aus flüssigem H2O, sondern aus luziden Hüllen, die jedoch aufgrund des reflektierenden und gleissenden Materials durchaus an das gischtige Sprühen eines Wasserfalls erinnern. Und das ohrenbetäubende Tosen, das mit fallenden Wassermassen einhergeht, rührt in Maria Ceppis Installation von Ventilatoren her, die die Lufthüllen kontinuierlich mit Luft versorgen.

Seit je sind Naturphänomene und die Natur selbst Referenz für Künstlerinnen und Künstler: Bereits die Höhlenmalereien zeigen die Wechselwirkung von Mensch und Natur. In der Romantik wird die Natur als Sehnsuchtsort entdeckt, und im Impressionismus steht das Spiel von Licht und Farben der Natur im Zentrum. Anfang des 20. Jahrhunderts sind es die technischen Errungenschaften, die faszinieren und auf Leinwand und Zelluloid gebannt werden. Damals wird Natur zum Randthema in der modernen, respektive kommt als Ausdrucksträger für Gefühlsregungen und Seinszustände zum Einsatz. Seit den 1960er Jahren findet in der avantgardistischen Land Art eine gänzlich neuartige und unmittelbare Auseinandersetzung mit Landschaft und Naturphänomenen Eingang in die Kunst. Im 21. Jahrhundert schliesslich steigt in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für ökologische Themen wieder, bedingt durch die voranschreitende Klimaerwärmung, die zunehmende Grundwasserverschmutzung und die allgemeine globale Verknappung von Ressourcen.

On n’a qu’une terre

Auch die in Sierre lebende und arbeitende Künstlerin Maria Ceppi nimmt mit ihrer Installation Bezug auf unser Ökosystem. Die Kunsthalle-Räume nutzt sie als Forschungsraum, als geschlossenes Laboratorium sozusagen, um uns mit der raumfüllenden Installation «Chute d’eau» das sensible Gleichgewicht der Natur bildhaft vor Augen zu führen. Die mit Luft gefüllten Bahnen, Schläuche und Plastik-Rohre hängen neben- und übereinander, durchdringen sich und breiten sich am Boden aus. Durch die modellhafte Einschreibung des simulierten Ökosystems im Kleinen schafft die Künstlerin eine geschlossene und überschaubare Anordnung, einen Raum der Imagination. Maria Ceppi lädt zu einer Gedankenreise ein und bietet den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, über grosse Natur-Zusammenhänge nachzudenken und sich gleichzeitig als Teil des Systems zu erkennen. Das ist wichtiges Anliegen der Künstlerin, denn Maria Ceppi ist überzeugt, dass das ökologische Gleichgewicht beängstigend aus der Balance geraten ist und je länger je mehr bedroht, so ihr ernüchtertes Fazit.

Die Sensibilität des «Flusses» führt uns die Künstlerin mittels ihrer klaren, transparenten Konstruktion plastisch wie artifiziell vor Augen. Der Lärm der Ventilatoren unterstützt die Künstlichkeit der Anordnung. Was in der grossen Halle bezaubernd, fragil und luftig erscheint, hat seinen Ursprung mit den technischen Geräten im oberen Geschoss, wo diese als Energie-Luftquelle, als Dock-Station gebündelt sind.

Maria Ceppi nutzt die Kunsthalle als Ereignis-Bühne; als versierte ‚Erzählerin’ setzt sie Licht und Ton gekonnt ein, um ihre Inszenierung des Elements Wasser theatralisch zu überhöhen: Dieses wird in seinen Überlagerungen, Rändern, Gischt-Fontänen nachempfunden, nachgebaut im Raum, der eine Art zweite Natur für dieses ephemere Element bildet.

Das Ephemere, Fliessende, Luftige ist gleichsam den Aquarellbildern der Serie «séracs» (Eisnadeln) eingeschrieben, die auf der Estrade zu sehen sind. Das Flüchtige charakterisiert auch diese Arbeiten und mahnt bei aller Zartheit eindringlich: On n’a qu’une terre!

Gabrielle Obrist und Claudia Reeb