Déhiscence, 2016

Installation, Ferme Asile, Sion
“DER INHALT ENTSTEHT DURCH DIE BESONDEREN EIGENSCHAFTEN DER VERPACKUNG.” Haruki Murakami, 1Q84

2016 feiert die Ferme-Asile ihren 20. Geburtstag. Zur Feier wurde die im Wallis lebende Künstlerin Maria Ceppi eingeladen, ein Werk zu schaffen, das zugleich künstlerische Installation als auch Rahmen für besondere Ereignisse ist, seien es Konzerte, Sagenerzählungen, Lesungen oder andere Aufführungen. Déhiscence: So der Titel dieses aussergewöhnlichen, eigens für die Scheune der Ferme-Asile geschaffenen Kunstwerks.

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Als Ausgangspunkt wählte die Künstlerin die Struktur der Scheune, diese massive Holzkonstruktion, die an ein Lager oder an einen Trocknungsraum erinnert, wo verschiedene Waren an den Balken herunterhängen, vertrocknen, warten oder sich verpuppen und sich in neue Wesen verwandeln... Für die Ferme-Asile wollte Maria Ceppi ein thematisches Kunstobjekt schaffen, das einen Mittelpunkt setzt und Strahlenwirkung besitzen sollte. Es sollte zum Dialog auffordern zwischen Kunstproduzierenden, dem Publikum und den Akteuren der Ferme-Asile. Ebenfalls sollte es zum Nachdenken anregen über die Vergangenheit und die Zukunft des Ortes sowie über Permanenz und Provisorium.

Um diese Idee in die Wirklichkeit umzusetzen liess sie sich von der Natur inspirieren. Dort stiess sie auf den im Wallis heimischen Blasenstrauch. Es handelt sich um ein mediterranes Gestrüpp, dessen Hülsenfrüchte wie aufgeblasen scheinen und geräuschvoll aufplatzen, wenn man darauf drückt. Maria Ceppi interessierte vor allem die metaphorische Bedeutung des Blasenstrauchs: Die durchsichtige Hülse seiner Früchte ist wie eine Art Haut, die einen Austausch zwischen Innen und Aussen erlaubt. Die Idee des Austauschs und des Expandierens liegt im Herzen von Déhiscence – ein botanischer Terminus, der auf die Öffnung der Schale hinweist, die zur Befreiung des Samens führt. Die Hülsenfrucht des Blasenstrauchs wird im Französischen „la baguenaude“ genannt und bedeutet im übertragenen Sinn „die Lappalie“, sprich eine frivole und nutzlose Tätigkeit. Auch diese Bedeutung hat Maria Ceppi mitberücksichtigt. Der Besucher wird eingeladen, über das das Frivole, das Scherzhafte und Paradoxe nachzudenken.

Die Installation besteht aus biomorphen, 4 bis 6 Meter grosse Hüllen aus Polyethylen-Folie – dasselbe Verpackungsmaterial, das die Bauern zur Gärung ihrer Heuballen brauchen. Diese aufgepumpten Hüllen, die mit den Früchten des Blasenstrauchs eine Formverwandschaft aufweisen, wurden im Raum verteilt und aufgehängt. Dieser wird durch die Präsenz der Plastikhüllen strukturiert: Manchmal sind sie Wegweiser, die einem helfen, sich zu orientieren, manchmal wirken sie störend und sind eher ein Hindernis. Besucher und intervenierende Kunstschaffende müssen sich mit ihrer Präsenz auseinandersetzen um einen Weg, einen Platz zu finden. Hier liegt der partizipatorische Aspekt der Installation: Die eingeladenen Kulturschaffenden, Musiker und Performer müssen selber entscheiden, wo ihre Bühne steht, wo sie sich niederlassen.

Die Raum-Installation von Maria Ceppi erzählt in ihrer konzeptuellen, architektonischen und ästhetischen Form eine neue Geschichte über Hüllen, Künstlichkeit und Natürlichkeit. Die Hülle oder Haut gilt als Ort der Existenz und ist zugleich eine Zellschicht, an der unsere inneren Schwingungen mit den äusseren in Beziehung treten. Ein Austausch wird somit möglich. Déhiscence erlaubt Begegnungen und schafft Kontakte zwischen Kunst und Publikum.