Zeitdokument, 2008

Kunstprojekt «Tunnelbau-Baustelle 2002–2006» von Maria Ceppi (Projektleitung und Realisation)
Wollstickerei auf 40 Tafeln, je 68 × 68 cm; Gesamtmass: 345 x 552 cm Kunstmuseum Wallis, Sitten

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Der Titel, Zeitdokument, vermittelt einerseits den dokumentarischen Status dieses Werks, seinen Bezug zur Gegenwart, doch lässt er einen anderseits auch an den Verlauf der Zeit denken, an die Dauer, die Geschichte. Diese beiden Dimensionen verleihen dem Werk Tiefe, machen seinen Stoff aus, geben ihm historische Dichte.

Vierzig von Hand gestickte, auf Tafeln aufgezogene Teilbilder bilden zusammen das Ganze dieses Puzzles: die Baustelle – auf Walliser Seite – des Südportals des neuen Lötschberg-Eisenbahn-Basistunnels. 1990 beschlossen, 2007 eingeweiht, dieser rund 35 km lange Alpentunnel verbindet den Norden mit dem Süden Europas. Auf dem gestickten Bild erkennt man die riesige Tunnel-Bohrmaschine auf Schienen, bevor sie in einen der Stollen fährt. Unten im Bild geht ein Förderband über die Rhone; es führt das abgetragene Gestein weg, aus dem im Talgrund neue Hügel entstehen werden. Das Bild ist fast menschenleer, die Maschinen scheinen allein in dieser angefangenen Landschaft zu herrschen. Die Szene erinnert auf den ersten Blick an die zeitgenössische plastische Fotografie, wie sie von den Arbeiten und vom Unterricht des Fotografenpaars Bernd (1931-2007) und Hilla (*1934) Becher in Düsseldorf bekannt sind, scheint jedoch wie mit dem Computer, am Fernseher oder durch einen Comic gefiltert zu sein.

Um ihr Ziel erreichen zu können, wurde Maria Ceppi zur Unternehmerin, Baustellenchefin, Ingenieurin für soziale Kommunikation. Das ursprüngliche Bild ist ein Flugbild der Baustelle, das am Computer in vierzig einfach auszuführende Stickvorlagen umgewandelt wurde. Die Stickerei selbst wurde nicht von der Künstlerin ausgeführt, sondern lediglich unter ihrer Leitung. Die Einzelbilder wurden an rund vierzig Frauen und Männern verteilt, die in der Region, in welcher der Tunnel gebaut worden ist, leben, und deren Lebensbedingungen dieser somit verändert hat. Ein einziges Bild ist nicht fertig gestickt, da die Frau, die daran arbeitete, gestorben ist. Die Arbeiten wurden in einer Art Kollektivatelier ausgeführt, dem Café Gobelin, einem Treffpunkt, den Maria Ceppi am Bahnhof ihrer Heimatstadt Visp eröffnet hatte; Visp soll zu einem der bedeutendsten Eisenbahnknotenpunkte der Schweiz zwischen Basel und Mailand werden. Beim Sticken kamen die Teilnehmenden ins Gespräch, erzählten sich von ihrem Leben und vertrauten sich einander an.

Der Gegensatz könnte stärker nicht sein zwischen der traditionellen Handarbeit und der abgebildeten Spitzentechnologie, zwischen einer im Haus und hauptsächlich von Frauen ausgeführten Arbeit und der Baustelle im Freien, einer Männerdomäne, zwischen dem Atelier mit Einheimischen und der Baustelle mit den ausländischen Arbeitern. Das Nebeneinander dieser Realitäten bildet in gewisser Weise eine Abkürzung zum doppelten Gesicht des heutigen Wallis. Diese Dualität geht im Stil des Bildes auf, wo die gestickten Stiche den Pixel des digitalen Bildes entsprechen, das als Vorlage gedient hat. Die Dualität ist lebendig geworden durch das gegenseitige Interesse der Stickerinnen und der Arbeiter für die Arbeit der anderen sowie durch die von der Künstlerin organisierten Begegnungen der beiden Gruppen.

Maria Ceppi nennt ihre Arbeiten im Allgemeinen Gobelinstickerei, wodurch sie zwei Techniken miteinander verbindet: die Stickerei und die berühmten Bildwirkereien der königlichen Manufaktur im Haus der Gobelins, die 1662 in Paris gegründet wurde. Sie verweist ausserdem auf die figürlichen, reich dekorierten Tapisserien, welche von mythologischen Heldentaten, von der vergangenen oder gegenwärtigen Kirchen- und Staatsgeschichte erzählen. Auf jeden Fall platziert Ceppi ihre Arbeit in der grossen Tradition der zeitgenössischen Historienmalerei. Ein anderer Walliser Künstler hat dies auch getan, um an die grossen Baustellen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erinnern: Raphael Ritz (1829-1894), in seinem berühmten Gemälde Rhonekorrektion (1888, Kunstmuseum Sitten), eine epische Szene, die an die Arbeiten im Rahmen der ersten Rhonekorrektion erinnert, und zwar im selben Gebiet, wo heute der Lötschberg-Basistunnel mündet.

Zumindest seit Penelopes Totentuch gilt die Textilkunst als zeitaufwändig. Anstelle der Ereignisse schildernden Geschichtsschreibung und des Kurzlebigen hat Maria Ceppi die Dauer der Geschichte gewählt. Das Motiv ihres Werks erinnert an die tief greifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die im Wallis auf die Inbetriebnahme des Tunnel folgen werden: Über die Umwandlung der Landschaft hinaus kündigt sich ein sozialer und kultureller Wandel an.

Hinter der Grosszügigkeit und dem Ideal der sozialen Kunst zeichnet das Werk alte Strukturen der Macht, der Hierarchie und der Sichtbarkeit nach. Zwei Welten bestehen sowohl auf der Baustelle als auch im Kollektivatelier in Visp nebeneinander: Die Tunnelarbeiter leben im Schatten der Streckeningenieure und der Direktoren der Eisenbahngesellschaft und die Stickerinnen und Sticker im Schatten der Künstlerin. Arbeiter und Stickerinnen gehören zur Gruppe der Angestellten, wenn nicht der Ausgenutzten. Wenn man von der sozialen und kulturellen Utopie absieht, stehen die Arbeit und die Kunst des Volkes im Dienst der Interessen und der vorherrschenden Vorstellungen der Eliten aus Wirtschaft und ... Kunst.

Pascal Ruedin, in : Sammeln inmitten der Alpen. Das Kunstmuseum Wallis, Sitten, Paris: Somogy, 2008.